Einiges zur Geschichte des Vereins Deutscher Rassegeflügelzüchter Aurich von 1888

Von Otto Jütting ( Abschrift seiner Niederschrift anlässlich der Jubiläumsschrift zum 100. Gründungstag 1988).   

    In den Jahren, als der Ostfriesische Landschaftsrat Friedrich Schwiening, Bürgermeister der Stadt Aurich war, als sich auf dem Teich im ehemaligen Julianenburger-Park noch die Schwäne mit ihren Jungen zur Freude der Beschauer an den warmen Sommerabenden tummelten, als auf den Kanälen in Aurich noch die stattlichen Torfschiffe fuhren und am Pingelhuske zur Zahlung einer Abgabe anhalten mussten, als am jetzigen Eingang zum Innenhof des Regierungsgebäudes noch der Wachposten der alten Auricher Garnison der 78-er stand und in der Hauptstrasse der Stadt, der Burg- und Wilhelmstrasse, sich abends noch keine lichtstrahlenden Reklameschilder zeigten und sich zwischen den Geschäftshäusern in dieser alten Strasse noch manches gutbürgerliche Privathaus seines beschaulichen Daseins erfreute und die Stadt mit ihren etwa 4.000 Einwohnern noch ganz im kleinstädtischen Charakter dahinträumte, in diese Zeit hinein fiel die Gründung des jetzigen Vereins Deutscher Rassegeflügelzüchter, dessen 100-jähriges Bestehen wir in diesem Jahr begehen.

    Vier Jahre zuvor war der Nestor der deutschen Rassegeflügelzucht, der königliche Kaufmann in Görlitz, der unvergessene Robert Oettel, gestorben.Wir begehen in diesem Jahr - in unserem Jubiläumsjahr - seinen 190. Geburtstag, und ich halte es hier angezeigt, seine Verdienste zu erwähnen, denn, wenn er im Jahre 1852 nicht seinen "Hühnerologischen Verein" in Görlitz gegründet hätte, fragt es sich, ob der jubilierende Verein dazu in der Lage gewesen wäre, sein 100. Jubiläum zu feiern.

    Bei der ausgeprägten Persönlichkeit Oettels sowie seiner Nachfolger in den Präsidentenämtern der Rassegeflügelzuchtorgani-sation, angefangen mit Hugo de Roi und Heinrich Kreutzer über Emil Schachtzabel und Wilhelm Ziebertz bis hin zu Wilhelm Schönefeld und dem zur Zeit amtierenden Präsidenten Hermann Rösch und dem Interesse, das alle auf weite Kreise der Bevölkerung zu übertragen wussten, blieb es nicht aus, dass sich damals Vereine - so auch in Ostfriesland - bildeten, die heute noch bestehen.

    So fanden sich ausweislich des nachstehenden Protokolls (Abb 1)                
am 12. März 1888 in der ehemaligen "Finkenburgschen Schenkwirtschaft", dem späteren "Schützenhaus", Auricher Bürger zusammen, um einen Verein
zur Pflege ihrer Interessen zu gründen.

    Dem Gründungsprotokoll ist zu entnehmen, dass sich der Verein als
                                 "Vogelschutz-, Geflügel- und Singvogel-Zucht-Verein für Stadt- und Kreis Aurich"
gründete. Der erste Vorstand setzte sich aus
Rechtsanwalt             Knotterus         als Präsident,
Sparkassenrendent    Reimers            als Vizepräsident,
                                 Th. Clausing    als Schriftführer,
Rentier                      Hagius              als stellv. Schriftführer und
Kaufmann                 H. Kittel            als Kassierer zusammen.
Freiherr von Scheele, Gastwirt Finkenburg und Tierarzt Lutzen wurden als Zuchtsachverständige in den erweiterten Vorstand gewählt. Die ersten Tätigkeiten des Vereins bestanden darin, den Mitgliedern geeignetes Zuchtmaterial zu beschaffen. 35 Interessenten erklärten schon in der Gründungsversammlung ihren Beitritt; im Verlaufe des Jahres 1888 erhöhte sich die Mitgliederzahl bereits auf 87.

    Im Jahr seiner Gründung tritt der Verein schon dem "Zentralverband für Geflügelzucht in der Provinz Hannover" bei. Man beschafft zum Teil durch seine Vermittlung Rassen, die auf den größeren Ausstellungen - wie z. B. Hannover - gezeigt wurden oder auch Bruteier solcher Rassen um die Zuchten und Vielfalt zu fördern. So erhalten z. B. in der Versammlung am 09.05.1888 die Mitglieder folgende Tiere bzw. Bruteier: Apotheker Wolter 1,2 rebhuhnfarbige Italiener; Freiherr von Scheele und J.H.Eickema Bruteier der Langschan; Lehrer Popken der Hamburger Goldlack; A. U. Steen und Kaufmann H. Kittel der Hamburger Silberlack; Zimmermeister Abels der Ostfriesischen Möwen; Gastwirt Folkers von weissen Spaniern; Wilhelm Ulrichs von Hamburger Goldlack; Oberlehrer Wessel von hellen Brahma; Kaufmann Fischer und Fr. Janssen von Houdan; Cantor Busemann von Paduanern; H. Urban von Englischen Kämpfern und Th. Clausing von rebhuhnfarbigen Italiener.

    Es war eine erlesene Gesellschaft Auricher Bürger, die sich damals mit der Rassegeflügelzucht befasste.

    Mit den beschafften Tieren und Bruteiern wurde der Grundstock vieler Rassegeflügelzuchten gelegt. In den folgenden Jahren zeugen Ausführungen in den Protokollen immer wieder von Neuanschaffungen anderer Rassen. So werden z. B. auch Vögel (wie Broncemännchen, Elsterchen, Bandfinken, Paradiesvögel, Kardinäle usw.) vereinsseitig beschafft, die dann den Züchtern durch Verlosung, Versteigerung oder Kauf überlassen wurden.

    Vom 14. bis 16. Juni 1890 wurde bereits eine Verbands-Geflügel-Ausstellung des "Centralvereins für Geflügelzucht in der Provinz Hannover" in Aurich auf dem Schützenplatz abgehalten (Abb 2). In Ermangelung herkömmlicher, transportabler Käfige wurde die provisorische "Herstellung der Käfige in der Weise beschlossen, dass die Unter-, Mittel- und Deckenlage sowie die Rückwand durch unverschnittene Bretter, die Vorderansicht durch Drahtgitter herzustellen sind".

Beim meistbietenden Verkauf nach der Ausstellung fanden diese Behältnisse - ausgeboten durch den Gerichtsvollzieher Tubbe - mit oder ohne Tiere reißenden Absatz.
227 Ausstellungsnummern wurden von 46 Züchtern gezeigt. Zur Finanzierung der Ausstellung wurde ein "Garantiefonds" mit 100 Aktien á 5,- Mark gebildet. Hieraus sollen die Käfigbeschaffung und andere Ausgaben finanziert werden.

    Seit dem Jahre 1896 werden Clubringe (später Bundesringe) verwendet. Die damit gezeichneten Tiere konnten in eigens dafür geschaffene Klassen gezeigt werden. Während anfangs das Anlegen der Clubringe empfohlen wurde, ist heute der Bundesring eine Voraussetzung für die Teilnahme am Wettbewerb auf Rassegeflügel- Ausstellungen.
Das erste Ringgrößen-Verzeichnis stammt aus dem Jahre 1896 und wurde vom "Club Deutscher und Oesterreichischer Geflügel-Züchter" erstellt.

    Neben den jährlichen Ausstellungen, oder auch in Verbindung damit, werden entweder auf dem Marktplatz oder auf der Schützenwiese Hühnermärkte abgehalten. Hier können dann nicht nur die Vereinsmitglieder, sondern auch andere Bürger aus der Stadt Rassetiere erwerben.
Meistens erfolgt der Beitritt zum Verein im Anschluß an den Kauf. Damit erklärt sich auch die relativ stark steigenden Mitgliederzahlen. Ein Geflügelessen schließt sich diesen Veranstaltungen meistens an. Hoch her ging es dabei, z. B. in der Gastwirtschaft Finkenburg (dem späteren Schützenhaus). Hühnerfrikassee vom Wirt hergerichtet, mundete allen Essern, die sich nicht nur aus Vereinsmitgliedern, sondern auch aus den anderen Stadtbewohnern zusammensetzten. Im Verlaufe solcher Feiern wurde oft mancher Gegenwert eines verkauften Tieres in trinkbare Flüssigkeit umgesetzt.

    In den ersten Jahren nach der Gründung hatte Sparkassenrendant Reimers, der in Aurich als sehr begütert galt, die schönsten und gepflegtesten Tiere. In mehreren Ställen hielt er helle- und dunkle Brahma, Cochin und weitere Rassen.

    Schon 1894 werden weitere Einzelheiten der Rassemerkmale für die Ostfriesischen Möwen festgelegt; so sollen sie z. B. "weiße Ohrscheiben, einen kleinen Kamm und blaue, ziemlich hohe Ständer" haben.
1896 bestimmte man weiter, dass der "Kam der Möwen-Hennen klein, fein gezackt, aufrecht stehend (statt umgelegt)" sein muss. Ein umgelegter Kamm wird ganz entschieden verworfen. "Der Unterleib soll gesprenkelt, statt reinweiß sein. Gesprenkelte Brust ist entschieden zu verwerfen". Hieraus ist zu ersehen, dass schon sehr zeitig die Ostfriesischen Möwen durch diese richtungsweisenden Merkmale vereinheitlicht und verfeinert wurden. Vieles davon gilt noch heute; ein Beweis, dass diese einzige ostfriesische Hühnerrasse noch nach Merkmalen gezüchtet wird, die einen Bestand von rund 90 Jahren haben.

    Am 16. März 1896 erklärt der spätere langjährige 1. Vorsitzende und erster Landesverbands-Meister Weser-Ems des Auricher Vereins, Lehrer Bernhard Harms seinen Beitritt, zugleich mit dem Müller Johann Heinrich Vosberg. In demselben Jahr findet auch wieder ein Geflügelmarkt mit An- und Verkauf von Tieren für Mitglieder und Nichtmitglieder statt.

    1897 beschließt der Verein "zur Pflege des Tierschutzgedankens", dass der Vorstand verpflichtet ist, jeden Fall von Thierquälerei, der von Mitgliedern des Vereins ihm angezeigt wird, zur Anzeige zu bringen.
Der Auricher Verein wird Mitglied im Berliner Tierschutzverein.
In der Folgezeit werden mehrere Fälle von Tierquälerei, so mit einem Pferd in Wiegboldsbur, verfolgt und unter Hinzuziehung eines Sachverständigen, des Mitglieds und damaligen Pferdehändlers, des späteren Hoteliers und Gastwirts Wilhelm Saathoff, Aurich, bereinigt.

 

Neue Vereinsbezeichnung

    In der Generalversammlung am 10. Januar 1898 im Gasthof Finkenburg beschließt der Verein seine Umbenennung in:

Verein für Geflügelzucht und Tierschutz Aurich

    In den Tagen vom 26. bis 28. Juni 1898 wird hinter dem Schützenhaus unter freiem Himmel eine grosse Vereins-Geflügelschau abgehalten; mit 388 Nummern ist sie beschickt. Als Preisrichter fungieren Hauptlehrer Genters, Leer, Apotheker Johannsen, Esens, und -"weil Mügge, Hanover", absagt - Teppenjohanns, Oldenburg; ausserdem Bürgermeister Schetter, Wildeshausen, Holzhändler Johannes Maaß wird mit die Käfigbeschaffung übertragen und als Ehrenvorsitzender (wohl Schirmherr) wird Bürgermeister von Schwiening, Aurich, gewonnen.
Es scheint ein großer Erfolg gewesen zu sein; das Ansehen des Vereins stieg weiterhin, die Mitgliederzahl nahm nach dieser Veranstaltung stark zu. Die Jahresrechnung schließt mit einem positiven Saldo von 13,24 RM; in dem Vermögensnachweis erscheinen aber bereits neben anderen Gegenständen ...(hier fehlt Text S 5.auf6.) ... ... ... ... und 36 Bücher, 136 Käfige für Hühner, 34 für Tauben, ein grosser, eisener- und ein grosser hölzerner Käfig.

 

Ein neues Jahrhundert beginnt

    1905 wird im Protokoll des Hauptvereins für Geflügelzucht im Regierungsbezirk Aurich vom 7. Mai im Schützenhof am Pferdemarkt "lobend erwähnt, dass der Verein Aurich sich in Dresden an der X. Nationalen Geflügelschau hervorragend beteiligt und die höchsten Noten bzw. den höchsten Preis erzielt habe". Welche Aussteller sich beteiligten und welcher Preis nach Aurich fiel, ist leider nicht festgehalten.

    Immer wieder wird in den Zusammenkünften die zunehmend bekannt werdende künstliche Aufzucht diskutiert. Seit 1906 betreibt das Vereinsmitglied Ludwig Evers mit einer selbstgefertigten Brutmaschine schon die künstliche Brut. Er übte schon Legekontrolle durch selbstgemachte Fallnester aus und erreichte mit seinen weissen Wyandotten schon Höchstleistungen von 244 Eiern. Evers war später Allgemeinrichter und Spezialrichter für weisse Wyandotten und wurde selbst auf grossen Schauen als Preisrichter gerne gesehen.

    Im Jahre 1907 wird dem Gastwirt Johann Buß die Ehrenmitgliedschaft angetragen, weil "er dem Vorstande als Sachverständiger seit der Gründung angehört und sich recht oft um den Verein verdient gemacht hat und er wegen seines hohen Alters eine Wiederwahl ablehnen muss".

    Zur Geflügel-Ausstellung 1908 sind gemeldet: 22 Stämme 1,3; 53 Stämme 1,1 und 21 Paare Tauben; ausserdem Marktgeflügel in 32 Käfigen.
In einer Vorstandssitzung im Jahre 1908 des "Centralverbandes für Geflügelzucht in der Provinz Hannover" ermächtigten die anwesenden Vereine, darunter auch Vertreter des Auricher Vereins, die Delegierten, für den Anschluss an den "Reichsverband Deutscher Geflügelzüchter", zu stimmen.
Damit wurde auch unser Verein - damals auf freiwilliger Basis - Mitglied dieser Vorgängerorganisation des heutigen "Bundes Deutscher Rassegeflügekzüchter -BDRG".
Als Deligierte des Auricher Vereins zu den Versammlungen des Hauptvereins und des Centralverbandes tauchen immer wieder die Namen
Wolters (ehemals Hutgeschäft Hippen-Wolters), Blidung, Finkenburg und Lührs auf; letzterer war später jahrelang Vorsitzender des Hauptvereins.

    1909. Immer wieder beschäftigen sich die Versammlungsteilnehmer mit den von der Landwirtschaftskammer zur Förderung der Rassegeflügelzucht und zur Errichtung von Zuchtstationen zur Verfügung gestellten Gelder. Offensichtlich hatte diese Behörde die Notwendigkeit der Rassegeflügelzucht erkannt. Man diskutiert u. a. auch einen Artikel im "Centralblatt" des Inhalts, in dem das "Zurück zum Landhuhn" empfohlen wird. Dieses wirkte der aufkommenden Rassegeflügelzucht entgegen und stiftete Verwirrung unter der Landbevölkerung und den Züchtern.

    1910 wird dem Auricher Verein wiederum ein "besonderes Lob" durch den Hauptverein zuteil, weil auf der Ausstellung gezeigt wurde, dass "die Geflügelzucht in Ostfriesland in ganz besonderer Blüte steht."


  Erstmalig wird in einer Generalversammlung protokollmässig die exakte Mitgliederzahl am 17.  1. 1911 genannt: 99 Personen.

    Die erstmalig in Broschürenform gefertigten "Statuten des Vereins für Geflügelzucht und Tierschutz Aurich" werden am 19. Januar 1912 in der Generalversammlung angenommen. Eine Bibliotheksordnung ist ebenfalls Bestandteil dieser Satzung.
            

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   Bernhard Harms stellt auf der "II. Internationalen Kleintierausstellung" in Petersburg (Rußland) aus und erhält als Auszeichnung die "Kaiserlich Russische Grosse Broncene Staatsmedaille" und ein" Diplom zur Goldenen Medaille" nach einer Mitteilung des Kommerzienrats August Wenninger als Amtlicher Delegierter der Deutschen Regierung zur II. Internationalen Kleintierausstellung in St. Petersburg. Auch in Turin (Italien) erhält Bernhard Harms in demselben Jahr einen 1.Preis in Form einer vergoldeten Medaille auf seine Ramelsloher.

    Besuche bei auswärtigen Züchtern sollen das Blickfeld der Mitglieder für die Rassegeflügelzucht zu erweitern versuchen. So wird z. B. mit der Reichsbahn eine Fahrt nach Delmenhorst zur "Schofeldtschen Geflügelzüchterei" durchgeführt (Protokoll vom 07.04.1914).
Am 12. 06. 1914 legt Hermann Kittel sein Amt als 1. Vorsitzender nach kurzer Tätigkeit wieder nieder. Der 2. Vorsitzende, der Kürschnermeister Wolters, tritt kommissarisch an seine Stelle.

    In einem späteren Protokoll wird gesagt, dass "ein grosser Teil der Mitglieder im Felde steht". Es wurde daher beschlossen, die Versammlungen vorläufig ausfallen zu lassen. Die geplante Ausstellung findet wegen der Kriegsverhältnisse nicht statt.

    1916 wird nach einer Protokollnotiz der Errichtung einer Geflügel-Futter-Verteilungsstelle zugestimmt, um den Erhalt der noch bestehenden Zuchten zu sichern. Dem gefallenen Vorstandsmitglied Fr. Fangmann wird ehrend gedacht. Der Beitrag wird um die Hälfte ermässigt, um den bedürftigen Familien, deren Ernährer im Felde steht, weiterhin die Mitgliedschaft zu ermöglichen.

    Im Kriegsjahr 1917 wird unter dem 07.03.1917 festgehalten, dass die Liste der vorhandenen Hühner an den Komunalverband gehe, der sie dem infrage kommenden Müller weitergebe und als Unterlage beim Verkauf von Futter diene. Ein Betrag von 500,- RM wird auf die 6. Kriegsanleihe gezeichnet. An 17 Mitgliedern, die als Hühnerzüchter gelten, kann eine Futterverteilung erfolgen. Ein Beweis dafür, dass unter den damaligen schwierigen Kriegsverhältnissen die Hühnerhaltung sehr eingeschränkt oder sogar zum Teil unmöglich gemacht wurde, was auch der stark reduzierte Mitgliederbestand aussagt.
In der Versammlung vom 24. 07. 1917 in "Brems Garten" wird vom Verein der Beschluss gefasst, beim hiesigen Magistrat vorstellig zu werden, ob es nicht angebracht sei, eine Katzensteuer einzuführen, da in letzter Zeit sehr viele Katzen herumwildern und die sehr nützlichen Singvögel, vor allem aber die kleinen wertvollen Küken rauben. -Mit einem Bescheid vom 27. 08. 1917 reagiert der Magistrat ablehnend.
Unter den noch aktiven Mitgliedern finden nicht nur alte und bekannte Rassen Anklang, auch an Neuzüchtungen ist man interessiert. In der Versammlung am 30. 11. 1917 wird Interesse an einem Stamm Ostfriesischer Moorhühner bekundet, der zum Preise von 50,- RM angekauft werden soll. Nur wenigen ist dieses Huhn bekannt geworden; es hat sicherlich auch kaum Verbreitung gefunden. In einem artikel des "Deutschen Kleintierzüchters" Nr 9 vom 08.05.1970 war aber zu lesen:

Ausgestorben:
Ostfriesische Moorhühner

   Es ist bedauerlich, daß die Ostfriesi-
schen Moorhühner, ein Stück deutschen
Kulturguts der Geflügelzucht, nicht mehr
zu finden sind. Sie gehörten einem alten
deutschen Landhuhnschlag an, der in den
wenig fruchtbaren Moor- und Geestland-
schaften Ostfrieslands beheimatet war.

   Die Moorhühner, die auch wegen ihrer
kleinen und spitzen Köpfe den Namen
Spitzkoppen führten, waren ein Produkt
der Scholle. Der arme Boden jener Ge-
genden zwang das Huhn, den ganzen Tag
nach Futter zu suchen, so daß diese Le-
bensweise die Form des Huhnes bestimm-
te. Es war nicht groß, aber schlank und
elegant, ohne scharfe Winkel, hatte fei-
nen Knochenbau, war muskulös mit vol-
ler, breiter und tiefer Brust. Der kleine
Kopf war mit einem einfachen Stehkamm
versehen. Die Formen ließen das Huhn
als ein gutes Legehuhn erkennen. Der
Fleischansatz war allerdings nur gering,
das Fleisch selbst aber saftig und
schmackhaft. Mit dem Legeergebnis wa-
ren die Bauern zufrieden. Die Eier hat-
ten eine schöne weiße Schalenfarbe.

So sahen sie aus:

   Die Farbe der Moorhühner war blau
und entsprach etwa der Farbe der Alt-
englischen Kämpfer, blau. Beim Hahn

waren Brust und Bauch schieferblau, Rük-
ken und Schwanz dunkelstahlblau glän-
zend, Hals- und Sattelbehang gelbrot, die
Schultern braunrot gezeichnet. Die Henne
war aschgrau mit einem bräunlichen
Schein gefärbt; ihr Hals war braun bis
braungelb, der Schwanz schieferblau. Der
Hahn hatte einen mittelgroßen, die Henne
einen kleinen einfachen Stehkamm. Die
kleinen Ohrscheiben waren weiß und die
Läufe fleischfarbig.

   Die Moorhühner streiften gern weit
umher. Sie waren ständig auf Futtersuche.
Ihr Hauptvorzug war ihre Abhärtung,
die sie in den Stand versetzte, das rauhe
Klima mit seinen häufigen Witterungs-
umschlägen und böigen Winden gut zu
ertragen.

   Es ist schade, daß mit den Moorhüh-
nern ein deutsches Natur- und Kultur-
denkmal verschwunden ist, hätten sie
doch aufgrund ihrer wirtschaftlichen
Eigenschaften vielen ausländischen Ras-
sen nicht nachgestanden. Sie waren we-
gen ihrer Gewöhnung an unsere klimati-
schen Verhältnisse sehr geeignete Hüh-
ner. Durch entsprechende Zuchtwahl auf
gleichmäßige Formen und regelmäßige
Zeichnung herausgezüchtet, hätte diese
Rasse auch durch ihre Farbe den Schön-
heitssinn der Liebhaberzüchter befriedigt.
                              Kurt Riehl






Ostfriesische Moorhühner fanden in dem Buch
"Deutsche Hühnerrassen" von Ernst Rübenstrunk,
herausgegeben 1922, Erwähnung und wurden auch
illustriert. Ein Bild der jetzt ausgestorbenen Rasse
"blaugold mit Spitzkappe"
soll vor Jahren von dem Geflügelmaler Kurt Sander
gefertigt worden sein, so der Autor des Berichts.
Der Verbleib ist nicht bekannt.
Den Ostfriesischen Moorhühnern widerfuhr demnach
das gleiche Schicksal wie dem
Oldenburger Huhn,
das sich auch nur kurzfristig seines Interesses
bei den Rassegeflügelzüchtern erfreute.
Es ist aus dem Standard seit 1976
herausgenommen

 


 

 

    Das verdienstvolle Mitglied, der Kürschnermeister Wolters, ist am 22. 8. 1918 kurz vor Kriegsschluss gestorben. Viele Mitglieder sind aus dem Kriege zurückgekehrt. Schwere wirtschaftliche Not mit politischen Machtkämpfen gibt es im Deutschen Reich. Eine Hauptvereins-Ausstellung soll aber trotz allem am 8., 9. und 10. November stattfinden. Als Preisrichter sollen fungieren: Plöger, Wilhelmshaven, Wilhelm Walter, Oldenburg, für Groß- und anderes Geflügel; Rodenbäck, Wittmund, für Tauben und für Vögel Heringslake. Wegen der schlechten Zugverbindungen und anderer auf den Krieg zurückzuführender Unzulänglichkeiten muss die geplante Hauptvereins-Ausstellung ausfallen. Die Ortsschau ergibt aber noch 117 Nummern (112 Nr. Geflügel und 5 Paare Tauben); und da die vorgesehenen Preisrichter wegen der Einstellung des Personenzugverkehrs nicht anreisen konnten, haben die Vereinsmitglieder Blidung und Ludwig Evers die Prämierung vorgenommen. Nach einer Notiz vom 09.12.1918 ist dies erste Schau nach dem ersten Weltkrieg gut verlaufen; die Versammlung spricht dem Vorsitzenden Dank für die Leitung durch Erheben von den Plätzen aus.

   Im Jahr 1919 weist der Verein die höchste Mitgliederzahl auf: 119 sind es. Dieses wird in einer Versammlung am 21. 02. 1919 festgestellt. Das ist in erster Linie den zu erwartenden Vorteilen bei der Futtermittelverteilung zuzuschreiben, weniger dem Interesse an der Rassegeflügelzucht.
Wenn auch viele Mitglieder aus dem Kriege nicht oder mit Körperschäden zurückgekehrt sind, lässt das Vereinsleben dank einiger Unentwegter nicht nach, was ja auch der Mitgliederbestand beweist. Für die Ausstellung des Jahres wird die Turnhalle für eine Vergütung von 50,-- RM angemietet. Die Preisrichter Plöger, Wilhelmshaven, und Rodenbäck, Wittmund, werden wiederum als Preisrichter nominiert.
Wegen einer bestehenden Bahnsperre muss die Schau auf den 22.-23. 11. verlegt werden.
In der Zusammenkunft am 19.12. 1919 wird das Schützenhaus zum Vereinslokal bestimmt.
Die Zeitschrift "Norddeutscher Geflügelhof" (von dem Verlag Wilhelm Walther in Oldenburg vertrieben) wird als voll zufriedenstellend für die Belange der Züchter bezeichnet. Es besteht kein Interesse an anderen, auf dem Markt befindlichen Fachzeitungen dieser Art (z.B.: "Mein Sonntagsblatt", "Haus, Wohnung und Garten", usw.).
In diesem Jahr kehrt auch der Kaufmann Hermann von der Schleusen (der spätere langjährige Bürgermeister der Stadt Aurich, unser Ehrenmitglied und Träger der Bundesehrennadel) aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück.

    In den folgenden Protokollen werden als "Schiedsrichter" die Vereinsmitglieder Blidung, Georg-Ferdinand Kittel, Bernhard Harms, Alwin Richter und G. Janssen genannt. Die Bewertung von Ausstellungstieren durch das Vertrauen besitzende Vereinsmitglieder war zu damaliger Zeit auf den Ortsschauen mit Genehmigung des Hauptvereins noch möglich.

    Auf der Ausstellung am 5. / 6. November 1921 stehen 120 Nummern Hühner und 25 Nummern Tauben. Sie wurden von Blidung und Georg-Ferdinand Kittel zur Zufriedenheit der Züchter bewertet.

    1922 wird als Standgeld für Stämme 20,- RM, für Einzeltiere 10,- RM festgesetzt; ein Mitarbeiter des Vereins erhält für seine Tätigkeit auf der Ausstellung pro Tag 200,-- RM. Der Jahresbeitrag beträgt nunmehr 25,-- RM. Das sind alles Erscheinungen der damaligen Geldentwertung, die auch nicht ungeschehen das Vereinsleben prägen.
Ein Antrag Aurichs geht an die übergeordneten Verbände, die "Ostfriesische Lockente" als Nutzrasse anzuerkennen, nachdem der Verein Norden schon vorher die Musterbeschreibung erstellt hatte. Sie soll nach dem Wunsch der Antragsteller künftig als Rassegeflügel auf jeder Ausstellung zugelassen sein.
Die in und um Aurich gepflegte Entenjagd mit Privilegien für bestimmte Bevölkerungsschichten geben wohl den besonderen Anlass zu dieser Massnahme.
In den Katalogen späterer Jahre erscheint dann die Ostfriesische Lockente; sie scheint daher als Rassegeflügel anerkannt worden zu sein.
Unter dem 20. März 1922 erscheint in der Presse folgender Artikel:
 

 
   Geflügelzucht-Verein Aurich.   Anläßlich der letzten Gene-ralversammlung des Vereins wurden zwei langjährige Mitglieder und Mitbegründer des Vereins, die Herren Rentier Hermann Kittel-Aurich und Rentier Hermann Janssen-Kirchdorf, zu Ehrenmitgliedern ernannt, ferner sollen sie durch ein Diplom geehrt werden. Der Verein beschloßz fernerhin, auch in diesem Jahre 4 mal 50 Mark Beihilfe zur Bruteierbeschaffung zu verteilen auf diejenigen Rassen, die weniger oder nicht hier vertreten sind. Anträge können in der nächsten Monatsversammlung geltend gemacht werden. Um die Geflügelzucht hier am Platze etwas zu heben, wäre es wünschenswert, daßz die Mitglieder recht oft an den Versammlungen teilnehmen. Auf die heutige Anzeige werden die Mitglieder besonders hingewiesen.
 

    In der Mitgliederversammlung am 27. Februar 1923 wird ein Schreiben des Provinzialverbandes verlesen, in dem ein Herr Schäfer als Unterzeichner "jetzt wieder den Zusammenschluss der Hauptvereine zu einem Provinzialverband" fordert. Dass der "Provinzialverband" identisch mit dem "Centralverband" oder "Centralverein für Geflügelzucht in der Provinz Hannover" gewesen ist, ist zu vermuten.
Sicher scheint aber gewesen zu sein, dass nicht alle Vereine im Hauptverein oder Centralverein organisiert gewesen sind. Eine Mitgliedschaft in diesen Verbänden scheint immer noch auf freiwilliger Basis bestanden zu haben. Gefordert wird z. B. ein Jahresbeitrag von 400,-- RM je Verein.
Zu folgern ist aus den Notizen dieses Jahres, dass die Auricher weder dem Hauptverein noch dem Centralverein angehörten. Unstimmigkeiten - auch der einzelnen Vorsitzenden - untereinander führten zeitweilig kurzfristig immer wieder zum Austritt und Wiedereintritt in diese Verbände.
Aber noch in diesem Jahr wird der Beschluss gefasst im Jahre 1924 eine Hauptvereinsschau durchzuführen, was sicherlich wieder eine Mitgliedschaft in diesem Verband vorausgesetzt hat.
 
    Am 15. und 16. November 1924 findet sie dann statt mit einer für die damalige Zeit kaum vorstellbaren Beschickungszahl. 362 Nummern werden den 5 Richtern vorgestellt. Darunter befinden sich allein rund 120 Tiere der "Ostfriesischen Gold- oder Silbermöwen". Preise bis zu 150,-- RM werden für einen Stamm gezahlt. Viele Tiere wechseln zu Interessenten ausserhalb des heimatlichen Bereichs; eine vorzügliche Werbung! Die Resonanz wird für die damaligen Verhältnisse als sehr stark bezeichnet.
Nachdem 1924 der "Verein Ostfriesischer Gold- und Silbermöwen" den Anschluss an den Hauptverein gesucht hatte, wird dessen Aufnahme später wegen einer "Statuten Verletzung" anuliert.

    1925 erhitzten sich die Gemüter in einer Vertreter-Versammlung in der Landwirtschaftlichen Halle über die "Machenschaften des Herrn Blidung". Welcher Art diese gewesen sind, ist nicht festgehalten. Gesagt wird aber, dass "jeder ostfriesische Geflügelverein soviel Heimatgefühl und Zusammengehörigkeitsgefühl aufbringen sollte, dass ihm der Weg zurückführt, sich an der am ersten Wochenende im Dezember stattfindenden Hauptvereinsschau in Aurich zu beteiligen".  Blidung hat im Auricher Verein lange Vorstandsämter bekleidet, war ein anerkannter Richter und ein grosser Wegbereiter für ostfriesische Züchterinteressen.
Auch im Jahr 1925 ist der Auricher Verein wiederum Ausrichter der Geflügelschau des Hauptvereins für Geflügelzucht im Regierungsbezirk Aurich in der Landwirtschaftlichen Halle an der Emdener Strasse ((jetzt Autohaus Saathoff) -und nun?). 444 Nummern Geflügel werden gezeigt. Preise von 100,-- RM für ein Tier sind keine Seltenheit.

     Das Vereinsgeschehen der folgenden Jahre weisst keinen grossen Höhepunkt auf. Der Verbreitung des rassegeflügelzüchterischen Gedankens wird durch für diese Zeit schon recht angemessene Öffentlichkeitsarbeit Sorge getragen. In den Versammlungen werden Vorträge gehalten, wozu Bürger der Stadt, die noch nicht organisiert sind, eingeladen werden. Das Vereinsleben stagniert.

  1926 wird in den Annalen erstmalig ein Auricher Vereinsmitglied als Vorsitzender des Hauptvereins für Geflügelzucht in Ostfriesland erwähnt, nämlich Lührs, Haxtum. Aber 1923 tauchten schon Namen wie Kaufmann Harmannüs Richter als Kassierer und Musikmeister Fink als sein Stellvertreter im Hauptvereinsvorstand auf. In der Versammlung am 26. Januar 1926 bei Rademacher werden die Anwesenden darüber informiert, dass der Eintritt des Hauptvereins in den "Verband Hannoversche Vereine für Geflügelzucht" (früher Provinzialverband) erfolgt ist. Beitrag pro Kopf: 10 Rpfg., zunächst für 1926. Der Auricher Verein scheint Mitglied zu sein, denn von der Entsendung eines Vertreters zu den Zusammenkünften ist die Rede.

    In der Versammlung am 7. Juni 1927 wird von den Delegierten der Hauptvereins-Versammlung berichtet, dass der Verein Leer einen antrag auf Umbenennung des Hauptvereins in "Verband Ostfriesischer Geflügelzüchter" gestellt habe. Der Antrag scheint abschlägig beschieden worden zu sein, weil eine Bezeichnung dieser Art für den Hauptverein in den künftigen Protokollen nicht erwähnt wird. Der Vorstand bekundet ausdrücklich die Notwendigkeit übergeordneter Verbände und will aussenstehende Vereine veranlassen, dieser für die Verbreitung der Rassegeflügelzucht wichtigen Institutionen beizutreten.

 

Gründung der Jugendgruppe

    Am 13. September 1928 wird eine Jugendgruppe gebildet.
Nur wenige Vereine haben damals den Weitblick für die Notwendigkeit einer solchen Gruppe. Aufgenommen werden Personen bis zum 18. Lebensjahr. Als jährlicher Beitrag wird 1,-- RM festgesetzt. Im Verein haben Mitglieder der Jugendgruppe kein Stimmrecht.
Die heutigen Mitglieder des Vereins: Ehrenmitglied Johann Kanngießer, Ehme Flemer, gegenwärtig Jugendobmann, und Christian Flemer, langjähriger Schriftführer und Vereinsvorsitzender, zählen zu den Gründern. Erster Obmann war der spätere Ehrenvorsitzende und Meister des Landesverbandes Weser-Ems, Gerhard Flemer.
In diesem Jahr wird auch wieder eine Informationsfahrt mit der Jugend - dieses Mal aber mit einem Auto - nach Delmenhorst zur Zuchtanlage Schofeld durchgeführt. Ob auch schon diese Fahrt mit dem Gefährt von Eierhändler Johann Schmidt, Esenserstrasse, (jetziges Ehrenmitglied) durchgeführt wurde, ist nicht bekannt. In den folgenden Jahren hat aber Johann Schmidt immer wieder sein Lastauto für diese Zwecke zur Verfügung gestellt. Und weil Auto und Strassen keinesfalls den heutigen Erwartungen entsprachen, wussten die Beteiligten manche Story über diese Unternehmungen zu berichten! Schöne, alte Zeit!
In den Versammlungen wir über Ungezieferbekämpfung und Reinhaltung der Ställe referiert. Eine automatische Spritze wird auf Geheiss Johann Schmidts angeschafft und den Mitgliedern zum Gebrauch empfohlen. Für die damalige Zeit -eine Sensation.
Zitat: "Um der neu gegründeten Jugendgruppe die Möglichkeit einer Teilnahme an der Besprechung von mitgebrachten Tieren zu geben, fand als Einleitung des abends am 08. Oktober 1928 die Besprechung von "Rouenenten", "schwarzen Indischen Laufenten", "weissen Italienern" und "Leghorn", "Brieftauben" und "Kröpfern" statt".
60 Jahre besteht die Jugendgruppe im Jubiläumsjahr 1988.
Nebenstehend ein Auszug aus dem Gründungsprotokoll am 13.09.1928.           

    Reich beschickte Ausstellungen

    Nach dem Jahresbericht vom 06. Februar 1930 zählt der Verein
80 Mitglieder und 6 Ehrenmitglieder. Es wird auch eine Strichliste
über den Versammlungsbesuch zitiert, nach der das Mitglied G.-F.
Kittel
die Versammlungen neunmal besucht hat, Gg.Kittel, Johann
Schmidt
, Wilhelm Bock und Gerhard Flemer nahmen achtmal teil. Der Vereinsvorsitzende dankt für den fleißigen Besuch und erklärt, "dass Hermann Suur zur Verlobung das nächste Glas geweiht sei. Nach dem donnernden Hoch schloss der Vorsitzende die Versammlung".

    100 Käfige mit Umfassungsleisten aus Eisen zum Nettopreis von 782,10 RM werden bei der Firma Böwe in Aurich bestellt. In dieser Versammlung wird auch mitgeteilt, dass die Preisrichter-Vereinigung beschlossen habe, dass ihre Mitglieder nur auf Ausstellungen der dem Hauptverein angeschlossenen Vereine richten dürfen. Das hatte zur Folge, wollte man eine allseits anerkannte Bewertung der Tiere ermöglichen, dass die Vereine ihre Mitgliedschaft im Hauptverein begründen mussten.

    75 Mitglieder zählt der Verein. Der fehlende Geldbetrag für die Beschaffung der Käfige wird durch Anteilscheine der Mitglieder gedeckt. Nach den Kritiken der Preisrichter zeigten die ausgestellten Tiere einen "hohen Stand der ostfriesischen Zucht".

    Wieder wird in den Protokollen des Jahres 1931 von der verbesserten künstlichen Brut und dem Einsatz eines Brutappatrates bei dem Mitglied Brandes (der lange Jahre in dem ehemals August Hinrichsschen Hause an der Emdener Strasse gewohnt haben soll, das zwischenzeitlich abgerissen wurde) gesprochen. Sie wird den Mitgliedern empfohlen. Zufriedenstellende Brutergenisse sind schon aufzuweisen; von "künstlichen Glucken" ist auch schon die Rede. Sie werden im Eigenbau hergestellt.
Das technische Zeitalter (also auch bei den Auricher Züchtern) hat Einzug gehalten.
Schutzimpfungen und Untersuchung verendeter oder kranker Tiere werden ausreichend diskutiert. Der Schlachthof-Tierarzt Dr. Neemann hat sich bereit gefunden, Untersuchungen und kostengünstige Impfungen zur Pflege und zum Erhalt der Zuchten durchzuführen. Monatliche Treffen unter den Vorstandsmitgliedern und den anderen Vereinsmitgliedern nehmen nicht nur einen gesellschaftlich hohen Rang ein, sie sprechen auch am Rande vom amüsanten Begebenheiten.
So steht z. B. im Protokoll vom 15. September 1931 geschrieben: "Herr Junkmann muss seiner Frau wohl verraten haben, dass wir Leckermäuler seien, denn die vorzügliche Güte und die reiche Menge haben alle Teilnehmer vollauf befriedigt. Herr Junkmann und seiner Gemahlin sowie den Spendern der Zutaten galt allgemeiner Dank. So ein kleiner harmloser Schmaus trägt viel zur Gemütlichkeit und zum Gefühl der Zusammengehörigkeit bei. Hoffentlich bald wieder".
Die Gastwirtschaft Junlmannstand auf dem jetzigen Heros-Gelände an der Esenserstrasse und galt als ein gutbürgerliches Lokal in Aurich.

    Aus einer Versammlungsinformation ist zu entnehmen, dass der Hauptverein für Ostfriesland 20 Vereine mit etwa 1200 Mitgliedern umfasst.
Vom 4. bis 6. Dezember 1931 findet wiederum in Aurich eine "Provinzial-Geflügel-Ausstellung" statt. Sie stellt nach dem Jahresbericht ein "Glanzpunkt in der Geschichte" dar, welche der Verein zum gegebenen Zeitpunkt für sich retten musste. Auch ein anderer Verein bewarb sich um die Durchführung. Wenn die Emder Züchter später in einer Veröffentlichung publizieren: "Alle Hochachtung für die Auricher Provinzial-Ausstellung und für den Auricher Verein! Möge man bei uns künftig so einig und so zu arbeiten wissen wie sie!", so spricht dieses für die Zufriedenheit der Aussteller.
Diese Schau zählte zu den bestbeschicktesten der damaligen Zeit und erreichte mit genau 700 Hühnern, Zwerghühnern, Enten, Groß- und Wassergeflügel sowie Tauben, einen Beschickungsrekord.
Erstmalig wird auf der Titelseite des Kataloges das Bild des langschwänzigen Phönix-Hahnes verwendet.

    Im Jahre 1932 scheinen Bestrebungen des Hauptvereins für die Schauen seines Bereichs einen verbindlichen Terminkalender für mehrere Jahre zu erstellen, auf starke Gegenwehr der Vereine zu stossen. Eine freie Wahl sei jeweils geboten und den örtlichen Verhältnissen anzupassen, so Meinungsäusserungen in den Versammlungen. Eine gerechte Verteilung der Ausstellungstermine auf die jeweiligen Jahreszeiten ist erwünscht, "weil gegenseitiger Besuch und gegenseitiges Ausstellen das Zuchtinteresse hebt". Erstmalig wird um den Besuch der Schulen mit freiem Eintritt geworben.
Zum Schluss des Jahres zählt der Verein 74 Mitglieder.

 

Politischer Umbruch für die Vereine

    Als neues Vereinslokal wird im Jahre 1933 - nach vielen Wechseln innerhalb der Altstadt - die Landwirtschaftliche Halle bestimmt, dass aber schon im Verlauf des Jahres wieder zur Gastwirtschaft Junkmann wegen Unstimmigkeiten mit dem Hallenwirt zurückverlegt wird.

    Der politische Umbruch macht vor der Organisation der Rassegeflügelzüchter nicht halt.
In der Versammlung am 03. Juni 1933 in der Gastwirtschaft Junkmann stellt der Vorsitzende die "Umwälzung unseres Organisationswesens" fest.

    Der neu ins Leben gerufene "Reichsverband der Geflügelzucht" gliedert sich in 5 Fachschaften. Zur Fachschaft-2 zählen die Rassegeflügelzüchter. Um die Gleichschaltung der Ortsvereine vorzunehmen, trat der Vorstand geschlossen zurück. Zum neuen Vorstand wurden einige Mitglieder des bisherigen Vorstandes einstimmig wiedergewählt. Und zwar: Wilhelm Bock als Vorsitzender, Gerhard Flemer als Schriftführer und Johann Schmidt als Kassierer. Weitere Vorstands- oder Ausschussmitglieder wurden nicht bestimmt.

    Eine neue Ära begann!

    Wegen des Rückganges der Zuchten wurden Erwägungen angestellt, gemeinsam mit dem Kaninchenzuchtverein Kleintierschauen durchzuführen. Es scheint auch dazu gekommen zu sein. Diese Zusammenarbeit wurde dann aber nach einigen Jahren wieder aufgegeben aus Gründen, die nicht genau verankert sind, die aber wohl in den Unstimmigkeiten über die Durchführung und Abwicklung der Schauen zu suchen gewesen sein dürften.
Eine Ortsschau fand wegen Mangels an Tieren nicht statt. Hierzu ein Ausschnitt aus dem Bericht des Geschäftsjahres 1933:

> Grafik

    Mit diesem
                        "Führer durch die 2. Rassegeflügelschau der Reichsfachschaft Ausstellungsgeflügelzüchter des
                    Reichsverbandes Deutscher Kleintierzüchter Landesgruppe Hannover, Bezirksgruppe Ostfriesland
"
wird dokumentiert, dass bereits 1933 die Erste dieser Art abgehalten wurde. Über den Umfang dieser Ausstellung ist nichts bekannt.
Der ehemalige Hauptverein für Ostfriesland hat seine Bezeichnung gegen die obige einbüssen müssen.

    In den kommenden Jahren muss das Interesse an der Rassegeflügelzucht und dem liebhaberischen Umgang mit den Tieren dieser Art weiter abgenommen haben. Der zum Teil starke Einsatz der Mitglieder in den politischen Organisationen ließ wenig Zeit für die Vereinsarbeit.
Sonderschauen werden aber auf den noch stattfindenden Ausstellungen eingerichtet, so hier z. B. der "Vereinigung der Wyandottenzüchter von Ostfriesland" (deren Mitglied unser jetziges Vereinsmitglied Felix Ridder unter der Nr.14 war), der "Rheinländer Züchter des Bezirks Weser-Ems" und der "Züchter Ostfriesischer Gold- und Silbermöwen", 424 Nummern bringt die Ausstellung. Eine Jugendschau ist nicht angeschlossen.

> Grafik Ehrenpreise Foto Landwirtschaftliche Halle Aurich

    Die ganze Misere um das Auricher Vereinsgeschehen zeigt der nachstehende Auszug aus einem Protokoll; er zeigt aber auch die Verantwortung auf, deren sich der verbliebene Rest der Züchter bewusst ist:

> Grafik

  Wenn auch, wie schon gesagt, das Interesse weiter
gefallen ist, so steht uns eine
 . Unentwegte Züchter haben ihre Lieblinge durch den
Winter gebracht und werden auch in diesem Jahr weiterzüchten.
Wir wollen bedenken, dass wir nicht allein für unseren
Nutzen und unsere Liebhaberei die Zucht betreiben, sondern
dass die Nutzgeflügelzucht, die Deutschland
so dringend braucht, nur aufbauen kann auf die
Rassezucht, aus der sie immer wieder neues Blut,
neues Leben schöpfen kann.
                                                    gez. G. Flemer

    Mitte der 30er Jahre weist die
                                                    "Vereinigung Deutscher Geflügel-Preisrichter - Fachschaft II -Rassegeflügel
                                                     Bezirk 10, Nordwestdeutschland - (Provinz Hannover-Oldenburg-Bremen)
"
das Auricher Mitglied Georg-Ferdinand Kittel als Sonderrichter für Schönheitsbrieftauben, Show Homer und Nönnchen aus. Damit hat der Verein den ersten, vom Fachverband anerkannten und geprüften Preisrichter in seiner Geschichte, denn den sogenannten gewählten Preisrichtern früherer Jahre wurde im Vertrauen auf ihr züchterisches Können die Eignung von den übergeordneten Verbänden ohne besondere Nachweise der Befähigung zum Richteramt zuerkannt.
Mit seinen Schönheitsbrieftauben (heute Schautauben) erscheint G.F. Kittel nicht selten in den Katalogen führender Schauen, wie z. B. in Hannover, als Aussteller mit den höchsten Noten, sondern auch als Preisrichter wurde er gerne für diese Ausstellungen verpflichtet. Das "Sieger-Band" aus dem Jahre 1921 gehörte zu seiner Trophäensammlung. Es befindet sich jetzt im Besitz des Vereins.
Bekannt wurde Kaufmann Georg-Ferdinand Kittel, früher Norderstrasse 1 (jetzt Kaufhaus Hermerding) nicht nur als "HEKI" in der Bevölkerung. Er bekleidete neben vielen Ehrenämtern beruflicher Art mehrjährig das Amt des 1. Vorsitzenden (1924 bis 1929) und war Ehrenmitglied bis zu seinem Tode. Für seine humorvollen, originell kaufmännische Sprüche war er ebenso bekannt wie wegen seiner Teemischung nach eigenem Hausrezept, den er in Umkehrung seines Familiennamens "Lettik-Tee" nannte.
"Willst Du vergnügt durchs Leben wandern, trink Lettik-Tee und keinen andern" - oder: "Ach, dass der Mensch so häufig irrt, wenn er ein Tier taxiert, prämiert".

    Wenig aktenkundiges ist über das Geschehen der Jahre 1937 bis 1949 bekannt.
Protokolle über etwaige Zusammenkünfte, Versammlungen oder Treffen sind nicht auffindbar.
Der für alle so schicksalschwere zweite Weltkrieg hatte auch tief in das Leben des Vereins eingegriffen.
Nur wenige Mitglieder fanden nach dem Zusammenbruch und der sich anschliessenden schweren wirtschaftlichen Zeit wieder zu ihren rassegeflügelzüchterischen Idealen zurück. Zum Teil fehlte das Zuchtmaterial, oder es war nur für viel Geld oder auch nur im Tauschwege mit anderen Gütern zu erstehen, um den Wiederaufbau der Zuchten zu vollziehen. Manch´ schönes Tier der Kriegs- und Vorkriegsjahre waren den Wirren des Krieges zum Opfer gefallen und manches hochprämierte, welches zum Neubeginn notwendig gewesen wäre, hatte dem Selbsterhaltungstrieb des Menschen ans Messer geliefert oder war für Kompensationsgeschäfte verwendet worden.
Aber der im Jahre 1937 erwähnte eiserne Kern war geblieben. Das bewies die Wiedererstehung des Vereins im Jahre 1949.

 

Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg

    Am 26. Januar 1949 - ein halbes Jahr nach der Währungsreform - fanden sich die Mitglieder, die den Krieg überlebt hatten und noch ihre Ideale besaßen, zusammen. Insgesamt erschienen auf dieser einberufenen Zusammenkunft 22 Personen, um dem Verein wieder neues Leben zu geben. Viele der älteren Züchter befanden sich noch fern der Heimat in Kriegsgefangenschaft, einige kehrten nie mehr zurück.
Der Verein nahm den Namen "Verein Deutscher Rassegeflügelzüchter" in Anlehnung an die Bundesbezeichnung unserer Organisation an. Bernhard Harms, H. Vosberg, Siebelt Franzen, W. Ehmke, Friedrich Hippen, Johann Jakobs und Wilhelm Bock hatten noch Zuchtstämme, die den Krieg überlebt hatten und Gewähr dafür boten, am Wiederaufbau des Vereins in züchterischer Hinsicht mitzuwirken. In dieser so bedeutungsvollen Versammlung wählte man Gerhard Flemer zum 1. Vorsitzenden, zu seinem Stellvertreter Johann Hippen, zum Schriftführer Enno Kittel und zum 2. Schriftführer Johann Jakobs. August Rehbock wurde Kassierer und Hermann Suur Zuchtwart.

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    Ein schweres Erbe trat Gerhard Flemer an.